„Unsere Sprache ist entweder – mechanisch – atomistisch – oder dynamisch. Die echt poetische Sprache soll aber organisch lebendig sein. Wie oft fühlt man die Armut an Worten – um mehrere Ideen mit Einem Schlage zu treffen.“
Novalis

Bisherige Programme, in denen ich als Mitglied des Sprecherensembles der Akademie gesprochenes Wort Stuttgart mitgewirkt habe, sind Referenzen meines sprechkünstlerischen Wirkens in den letzten Jahren.
Für tagesaktuelle Programme klicken Sie bitte auf Start.

»Nun ist ein neuer Himmel schon gemietet« - Der Klang der modernen Zeiten

Die Moderne – Eine literarische Erkundung durch die ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Eine Abendveranstaltung im Rahmen von »Moderne Zeiten. Eine Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Nationalgalerie zu Gast in Schwäbisch Hall« (vom 23. Mai 2014 bis 1. Mai 2015).

Presseartikel:
Eine literarische Erkundung durch die ersten zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hat die Kunsthalle Würth am Dienstag geboten. Ein Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort gastierte.


Sie stehen da wie die Sänger eines Vokalensembles, beschäftigen sich aber mit Literatur: Sarah Stuckenbrock, Frank Streichfuß, Anja Rambow und Felix Heller von der Akademie für gesprochenes Wort Stuttgart. Foto: Rainer RichterAlles hängt mit der Ausstellung "Moderne Zeiten" zusammen. In ihrem Rahmenprogramm wird der Blick erweitert. Bernd Schmidt führte bei der Veranstaltung am Dienstag Regie. Auf einer Tafelhalterung wurden die Jahreszahlen aufgelegt. Beginnend mit 1901 gab es viele Informationen wie jene, dass Henri Dunand für die Gründung des Roten Kreuzes den Friedensnobelpreis erhielt.
Anja Rambow liest einen Ausschnitt aus den "Buddenbrooks" von Thomas Mann. Gedichte werden rezitiert, etwa "Der Panther" (1903). Einige Zuhörer sprechen die von Felix Heller rezitierten Worte Rilkes leise mit. Dann gibt es Infos zum ersten amerikanischen Spielfilm. Diese bunte Mischung zeigt eine innovative, rasante Zeit. Frank Streichfuß liest aus Albert Einsteins Relativitätstheorie. Der schwierige Text wird abgelöst durch das gemeinsam gesungene "Dein ist mein ganzes Herz", das Emese Toth am Klavier begleitet.
In welch kurzen Abständen Bahnbrechendes gedacht und hervorgebracht wurde, fällt vor allem in der Musik und in der Kunst auf. Schoenbergs Auflösung der Tonalität fällt in dasselbe Jahr wie die Gründung der Künstlergemeinschaft "Der blaue Reiter" (1911). Während Kandinsky sein erstes abstraktes Werk malt (1910), streitet man um den Skandal der ersten fußfreien Röcke. Dem effektvollen Ausschnitt aus Arthur Schnitzlers "Reigen" (1903) mit Sarah Stuckenbrock als süßem Mädchen folgt "Es wollt ein Mägdlein früh aufstehn" (1909) aus dem Zupfgeigenhansl. Diese Kontraste sind belebend, interessant und unterhaltsam. Der katastrophische Aspekt wird etwas gekürzt, auf 1914 folgt unmittelbar 1919 mit einem langen Auszug aus "Baal". Das erste Theaterstück von Bertolt Brecht zeigt wieder einmal, wie aufgewühlt, dampfend und kraftvoll diese Zeit gewesen sein muss.
Durch die geschulten Stimmen der Akteure wird die Aufmerksamkeit auf den Ausdruck und die Inhalte konzentriert. Die Akademie für gesprochenes Wort in Stuttgart pflegt diese Aspekte seit 20 Jahren. Carmen Würth genießt als Mitglied die Veranstaltung sichtlich. "Mich interessiert die Sprache", begründet sie ihr Engagement. "Unsere schöne deutsche Sprache. Ich bin traurig darüber, dass sie so vernachlässigt wird." An diesem Abend konnte davon keine Rede sein.

23.10.2014 © Hohenloher Tagblatt |URSULA RICHTER Foto: Rainer Richter

„Wo warst du?“ - „In aller Munde“

Presseartikel:
Konkrete Poesie im Hauptbahnhof: Literarische Klangperformance der Akademie für gesprochenes Wort

Dem Geräusch des Hauptbahnhofs stellt sich das Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort. Auf dem Bild Isabelle Boslé und Florian Ahlborn (links) sowie Anja Rambow und Frank Streichfuss. Foto: Rainer Moeller Immer wieder schallen die Stimmen aus dem Off durch die Kleine Schalterhalle des Stuttgarter Hauptbahnhofs: „eis“, „zweig“, „dreist“, gefolgt von einem energischen „lauter“. Ganz klar, hier handelt es sich um einen Soundcheck. „Hörprobe“, so steht’s deutlich lesbar auf der Großleinwand, vor der die Akteure der Akademie für gesprochenes Wort später überraschend agieren. Die „Hörprobe“ ist bereits Teil der 70-minütigen literarischen Klangperformance mit dem bezeichnenden Titel „Benachbart dem Geräusch der Bahnhöfe“ von Helmut Heißenbüttel, einem der bedeutendsten Vertreter der Stuttgarter Schule der Konkreten Poesie.
Eine spannende, audiovisuelle Reise durch die lautmalerischen Wortwelten von Ernst Jandl, Max Bense, Franz Mon und Bernd Schmitt beginnt im Hauptbahnhof. Sprache und Klang, Rhythmus und Melodik, Akustik und Optik gehen bei dem vielversprechenden Spiel mit dem Material Sprache eine reizvolle Symbiose ein. Das fünfköpfige Sprecherensemble unterstreicht die Bedeutung der Gedicht und Texte durch vehementen Körpereinsatz - eine sehr ästhetische Erfahrung.
Durch die Einbindung in das Klangkonglomerat des Bahnhofs mit Lautsprecherdurchsagen, Zuggeräuschen, dem Klacken von Absätzen Vorbeihastender, Rollenquietschen von Koffern und Verkehrsgeräuschen von der Straße werden die Lautgestalten der Wörter, Silben und Konsonanten mitten im urbanen Geschehen der Stadt verankert. Manchmal ist das Akustische dominant und das Optische bedeutungslos, dann wieder sieht man die Typografie eines Gedichts als Buchstabenmäander grafisch auf der Leinwand dargestellt, oder Tauben tänzeln wie Ballerinas zu Ernst Jandls „etüde in f“ über die Plattform. Auch zu Franz Mons „pfiffe“, die für ihn wie Züge oder wie Hunde klingen, leistet die Wirklichkeit in Form ferner Polizeisirenen einen Beitrag.
Ernst Jandls „Wanderung“ schickt die Interpreten Florian Ahlborn, Isabelle Boslé, Felix Heller, Anja Rambow und Frank Streichfuss scheinbar ziellos durch den Strom vorbeieilender Passanten. Jandls „heldenplatz“, getragen und mit viel Hall akzentuiert, steht für das Sprachspiel mit Reim und Rhythmus. Allerlei Assoziationen werden durch Kunstphrasen wie „balzerig würmelte es im männechensee und den weibern ward so pfingstig ums heil“ geweckt. Der Fantasie sind auch in Heißenbüttels „Bremen wodu“ keine Grenzen gesetzt. Das Thema ist die Begegnung, passend zur Spielstätte. Da kann sich jeder denken, was ihm Spaß macht. Und Spaß macht die Performance.
In klingenden Bildern werden Konsonanten und Vokale diametral zum Gesetz der Sprache kombiniert. Dabei stehen Bewegungen und vor allem Geräusche wie Schnalzen, Schnurren, Gurren, Zischen, Prusten, Hecheln und Keuchen im Vordergrund. In Bernd Schmitts „Fb-rik“ wird in wenigen Worten eine emotionale, streng getaktete Geschichte hörbar, die mit einem wohlbekannten „mahlzeit“ endet. Lautpoesie wechselt mit Reflexionen wie Max Benses „Das Ich, das Auto und die Technik“. Am Ende will die Sprecherin in einem Gedicht Franz Mons wissen: „Wo warst du?“ Der Sprecher antwortet: „In aller Munde“. Kein gemütliches Programm, aber eines mit viel Sprachwitz und eigener ästhetischer Wirkung, wobei die Gehörgänge der zahlreichen Besucher mit einer wohltemperierten Mischung aus experimentellem Silbenschutt, zauberhaftem Wortschwall und gesellschaftskritischen Textbeiträgen radikal durchgespült werden.

15.09.2012 © Eßlinger Zeitung | Petra Bail

|

Presseartikel:
Bahnhofspoesie


Foto: MöllerAnja Rambow gehört zum Sprecherensemble der Akademie für gesprochenes Wort, das nun Beispiele der Stuttgarter Schule aus der Konkreten Poesie vortragen will. „Benachbart dem Geräusch der Bahnhöfe“ - so ist die literarische Klangperformance überschrieben. Sie basiert auf Texten, die unter anderem von Poeten wie Max Bense, Helmut Heißenbüttel, Franz Mon, Ernst Jandl, Eugen Gomringer, Hansjörg Mayer, Bernd Schmitt stammen.

15.09.2012 © Stuttgarter Zeitung | Foto: Möller

Fotomomente